Impressionen vom Checkpoint Qalqilja
Um 2 Uhr ist Amir aufge-standen. Seit zwei Stunden wartet er schon hier am Checkpoint in Qalqilja. Gleich müsste das kleine Lämpchen am Passierdreh-kreuz von rot auf grün um-schalten. Gleich, wenn Amir und die anderen etwa 3000 Arbeiter, die heute den Checkpoint überqueren wollen, Glück haben. Und tatsächlich: heute öffnet der Checkpoint um Punkt 4 Uhr. Eine neue Truppe von Soldaten ist heute im Einsatz. Nachdem die Situation in Qalqilja in den letzten Wochen so katastrophal war, dass es zu etlichen Verspätungen der Arbeiter, Unruhen in der Warteschlange und sogar zum Einsatz von Tränengas von Seiten der Armee kam, musste etwas getan werden. Qalqilja ist einer der größten Checkpoints, die im Norden der Westbank den Eingang nach Israel ermöglichen und deshalb morgens stets überfüllt. Die ausgewechselten Soldaten heute aber scheinen sich Mühe zu geben. Heute dauert es nur 20 Minuten vom Eingangsdrehkreuz über den engen, mit Metall umhüllten Gang, die Fingerabdruckkontrolle und die Station auf israelischen Boden zu gelangen. Letzte Woche hatte das noch doppelt so viel Zeit in Anspruch genommen. Nichtsdestotrotz könnte es noch viel schneller gehen: „Wenn alle acht Kontrollstationen im Inneren des Checkpoints offen wären, würdest du hier gar keine Warteschlange sehen“, sagt ein Wartender, der wie die meisten hier im Baugewerbe tätig ist, bestimmt. „Meist sind es aber nur ein-zwei Stationen, im Höchstfall vier“, führt er fort. Er vermutet, dass viele der Soldaten, die ab 4 Uhr ihren Dienst leisten sollen, bis 6 oder 7 Uhr schlafen. Dann müssen aber die meisten der Arbeiter schon auf der anderen Seite des Checkpoints sein, da sie dort Busse erwarten, die sie nach Tel Aviv, Kfar Saba, Petah Tiqwa oder in andere israelische Städte fahren. Wenn die Männer nicht rechtzeitig an ihrem Arbeitsplatz erscheinen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie diesen verlieren. Denn billige Arbeitsplätze finden israelische Arbeitgeber heute nicht nur in Palästinensern, sondern auch in Einwanderern aus China oder Osteuropa. Ich hoffe und bete also immer, wenn ich morgens um halb 4 im Taxi auf dem Weg zum Checkpoint sitze, dass es ruhig sein möge und die Menschen ihre Arbeitsstelle sicher erreichen. Samar jedoch, die für eine französische Menschenrechtsorganisation arbeitet, erinnert mich daran, dass das Problem weitaus tiefer liegt Sie ermahnt mich, ich sollte nicht zufrieden sein, wenn es am Checkpoint reibungslos läuft. Denn das würde bedeuten, ich akzeptiere diesen Checkpoint. Das Problem ist aber für Samar bereits die Existenz der Checkpoints und das Berechtigungssystem, das nur verheirateten Vätern über 30 eine geringe Chance einräumt eine Berechtigung für das Betreten israelischen Bodens zu erhalten. Einige Arbeiter erzählten mir außerdem, dass sie zwischen 300 und 600 Dollar investieren mussten, bis sie eine dieser heiß begehrten Berechtigungskarten in der Hand hielten. Erst dann können die Männer daran denken in Israel zu arbeiten.
Ein kleiner Nachtrag: Zum Glück hatte ich es noch nicht geschafft diesen Bericht abzuschicken, denn gestern war ich wieder in Qalqilja. Von dem frischen Wind, den die neue Truppe mitbringen sollte, war nichts mehr zu spüren. Es beginnt damit, dass der Checkpoint um sechs Minuten nach 4 Uhr öffnet. Was sind schon sechs Minuten Verspätung, mag manch einer vielleicht denken. Für diese Männer aber, die schon stundenlang hier stehen und bereits eine ordentliche Wut im Bauch haben, können diese sechs Minuten eine halbe Ewigkeit und der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Eine gute Stunde später ist es dann so weit: Die Männer beginnen nervös zu werden. Sie drücken und schreien und hoffen damit die Abfertigung im Checkpoint zu beschleunigen. Das Gegenteil tritt ein: Die Drehkreuze, die jetzt mit 3-4 Männern besetzt sind, können sich mittlerweile nicht mehr drehen. Die Luft ist zum Schneiden. In diesem Moment entdecke ich eine Frau, die nicht weiß, wie sie sich durch diese Masse von Männern quetschen soll. Ich mache mir Sorgen um sie und rufe die so genannte „Humanitarian Hotline“ des israelischen Militärs an um zu fragen, ob für diese Frau ein zweites Drehkreuz geöffnet werden kann. In der Zwischenzeit hat sich eine zweite Frau zu uns gesellt. Nach einer Stunde Warten teilt mir der Soldat am anderen Ende der „Humanitarian Hotline“ mit überaus freundlicher Stimme eine schlechte Nachricht mit: „Für zwei Frauen ein Drehkreuz aufzumachen lohnt sich nicht. So bleibt den Frauen nichts anderes übrig als den großen Andrang am einzig geöffneten Drehkreuz abzuwarten und dann durchzugehen. Sie haben etwa 90 Minuten verloren. Ich verabschiede mich noch schnell und hoffe, dass sie ihren Arbeitsplatz rechtzeitig erreichen werden.
Kurz bevor ich den Checkpoint verlassen will, erfahre ich noch eine unglaubliche Geschichte: Vor einigen Tagen ist die Situation in Qalqilija noch mehr eskaliert und die Armee begann so genannte „Sound bombs“ in die Menge zu werfen. Ali aus Yasuf wurde von einer dieser Sound bombs am Arm getroffen und musste im Krankenhaus behandelt werden, glücklicherweise aber nur ambulant. Heute stehe er wieder hier am Checkpoint, vertraut mir sein Freund an. Das Leben muss weitergehen.




