Kafka neu aufgelegt – die Geschichte einer Festnahme
„Armee, aufmachen! Alle aus dem Haus!“ – so wurde die Familie Sheikh am 10.Juni um 02.30 Uhr aufgeweckt. Soldaten pochten an der Tür und verlangten, dass die ganze Familie erscheinen soll. In der Zeit, in der die Familie sich anzog, hämmerten die Soldaten noch härter und bedrohlicher an die Tür. Sie waren 15 Mann, 7 kamen ins Haus und 8 umstellten das Haus von allen Seiten. Sie kamen zu Fuß, wahrscheinlich um so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erzeugen und die Operation so geheim wie möglich zu halten. Tatsächlich hat in Jayyous kaum jemand etwas von dieser Militäraktion gewusst. Erst langsam ist die Information zu uns Internationalen durchgesickert. Wir nutzen die erste Gelegenheit um mit der Familie zu reden und Details zu erfahren.
Die Mutter berichtet: sofort verlangten die Soldaten nach Rasam, dem viertältesten Kind der Familie. Außerdem forderten sie resolut: „heraus mit der Waffe!“ Rasams Mutter musste daraufhin, so bizarr die Situation auch war, unweigerlich lachen, weil sie alleine den Gedanken für komplett abwegig hielt. Ihr Mann antwortete sogar: „Selbst wenn Sie das ganze Haus durchsuchen oder sprengen, werden Sie keine Waffe finden.“ Dennoch durchsuchten die Soldaten daraufhin das ganze Haus. Auch für den Ausweis und die Arbeitserlaubnis von Rasams Vater interessierten sich die Soldaten. Für den Vater, der seit 30 Jahren als Bauarbeiter in Israel arbeitet, bedeutet auch das eine Schrecksekunde: Er könnte seine Arbeitserlaubnis verlieren, wenn irgendwelche Zweifel an seiner Integrität bestehen und somit nicht mehr für das Familieneinkommen sorgen. In der Westbank nämlich ist Arbeit rar.
Schließlich nahmen die Soldaten Rasam mit vor das Haus, während ihre Kollegen innen das Haus durchsuchten. Die Eltern glaubten bis zu diesem Zeitpunkt, dass Rasam draußen lediglich befragt werden würde. Sie wussten nicht, dass sie keine Chance mehr haben würden sich von ihrem Sohn, der nur Unterwäsche trug, zu verabschieden. Erst als die Soldaten die Familie baten ihnen Kleidung für den Sohn mitzugeben, realisierten die Eltern, dass ihr Sohn festgenommen wurde. Der Letzte, der Rasam nach der Verhaftung gesehen hat, ist sein Onkel, der von nebenan die Szene vor dem Haus beobachten konnte. Er sah, wie sein Neffe in Handschellen mitgenommen wurde, vermutlich zum Trennungszaun, wo es Geheimeingänge für Soldaten gibt. Die ganze Operation inklusive Befragung und Hausdurchsuchung dauerte nicht mehr als eine Stunde. Danach ist alles anders.
Der 21-jährige Rasam hatte gerade sein 2. Jahr als Wirtschaftsstudent in An-Najar, der Universität in Nablus, abgeschlossen. Die einzigen drei Orte, die er laut seinen Eltern besuchte, sind sein Elternhaus, die Universität und die Moschee. Er führte gerne ein ruhiges Leben. Verlobt war er nicht: er sagte seinen Eltern im Scherz immer wieder, dass sie das Geld nicht in eine Hochzeit, sondern lieber in sein Studium investieren sollten. Die Eltern sind sich absolut sicher, dass ihr Sohn politisch in keiner Weise aktiv ist. Nicht nur hat er keine Möglichkeit - er besitzt weder ein eigenes Zimmer, noch einen PC -, er ist auch, wie seine Eltern wissen, sehr auf sein Studium fokussiert. Auch an Demonstrationen in Jayyous nahm er nur dann teil, wenn sein Studium in Nablus es zuließ. Im Zuge einer großen Aktion der israelischen Armee am 17.Februar 2009 wurden sein Onkel und er mit 80 anderen Jayyousis in das Schulgebäude gebracht und für einige Stunden befragt. Allerdings wurden sie daraufhin wieder in die Freiheit entlassen und nicht festgenommen, was den Eltern die Gewissheit gibt, dass ihr Sohn auch diesmal bald wieder zurückkehren wird. Denn damals wie heute gibt es keinen Beweis gegen ihn.
Was ich mich natürlich unweigerlich frage, wenn ich dieser Geschichte zuhöre, ist, warum. Weshalb kann jemand festgenommen werden, gegen den nichts vorliegt? Die Eltern vermuten, dass es damit zusammenhängt, dass der Sohn häufig in der Moschee ist. Für die israelische Armee scheint ein gläubiger Muslim unweigerlich auch Hamas-Mitglied zu sein. Das scheint geradezu unglaublich zu sein. Ein anderer junger Mann aus Jayyous aber bestätigt, dass dies der Grund ist, weshalb er es vorzieht seine Gebete nur noch zu Hause und nicht in der Moschee zu verrichten.
Razem aber war es sehr wichtig regelmäßig die Moschee zu besuchen. Überhaupt scheint der Glaube für diese Familie sehr wichtig zu sein. Die Gewissheit, dass ihrem Sohn nichts passieren wird, rührt nicht nur von ihrem Vertrauen in ihren Sohn, sondern vor allem von einer großen Portion Gottvertrauen her. Die bewundernswert starke und gelassene Mutter ist zwar traurig, aber sagt dennoch bestimmt: „Geduld kommt von Gott.“
Diese beinahe stoische Ruhe der Familie fasziniert mich einerseits, andererseits jedoch schmerzt es mich sehr zu sehen, wie selbstverständlich eine Situation wie diese in Jayyous zu sein scheint. Rasams Mutter bestätigt mir das: Sie zitiert Sharon aus dem Jahr 1982, der sagt: “Even today I am willing to volunteer to do the dirty work for Israel, to kill as many Arabs as necessary, to deport them, to expel and burn them.” Sharons Plan für Israel scheint aufgegangen zu sein. Rasams Eltern betonen, dass alle Menschen in Palästina leiden: ob in Gaza oder der Westbank, ob in Nablus oder in Hebron. Das Leiden gehört für Menschen ihrer Generation, die ihr ganzes Leben unter Besetzung verbracht haben, zum Alltag. So freut sie sich trotz der Verhaftung ihres Rasams auf die Hochzeit ihres älteren Sohnes im nächsten Monat.
Bevor wir gehen, fragen uns Rasams Eltern noch, ob wir helfen können herauszufinden, wo ihr Sohn sich befindet. Selbst der Anwalt, den sie einen Tag nach Rasams Verschwinden kontaktiert haben, hat keine Ahnung über seinen Verbleib. Für mich und gemäß des 4.Genfer Abkommens undenkbar, ist dieses Vorgehen in Israel und Palästina gängige Praxis. Meine Kollegin versucht über die Organisation Addameer, deren Homepage über palästinensische politische Gefangene informiert, etwas zu erfahren. Die Erfolgswahrscheinlichkeit jedoch ist gering, wie die Erfahrung lehrt. Da gilt es nun zu warten.
Kafkaesk ist das Wort, das mir nicht mehr aus dem Kopf gehen will.



