Vom Mut zu handeln - Israelische Friedensaktivisten
Seit mehr als zwei Wochen bin ich nun schon in Israel und Palästina. Den Alltag der Palästinenser unter Besetzung aber kenne ich noch nicht wirklich. Bevor wir unsere eigentliche Arbeit hier in Jayyous aufgenommen haben, wurden wir in Jerusalem vorbereitet. Die Vorbereitungszeit bestand aber nicht nur aus praktischen Hinweisen, sondern bedeutete für mich vor allem: Vorbereitung auf eine Zeit, in der ich Israelis nur als die Unterdrücker mit den M16 in der Hand kennenlernen werde. Die Vorbereitung in Jerusalem wird mir in diesen Monaten immer wieder in Erinnerung rufen, dass es auch die anderen Israelis gibt: die, die sich gegen die Okkupation einsetzen; die, denen es am Herzen liegt die israelische Gesellschaft über die Menschenrechtsverletzung in den besetzten Gebieten aufzuklären; die, deren Einsatz für den Frieden allzu häufig mit Verachtung gestraft wird. So erzählt Hanna Barag, dass sie und ihre Kollegin von einem Soldaten einmal mit dem Satz „Hier kommen wieder die Huren Arafats“ begrüßt wurden. Hanna Barag arbeitet für „Machsom Watch“, (Machsom ist das hebräische Wort für Checkpoint) eine Gruppe von meist älteren Frauen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben die Vorgänge an den Checkpoints zu beobachten. Sie dokumentieren unter anderem, wie die Soldaten mit den Wartenden umgehen, wie lange die Wartezeiten sind. Im Februar 2001 kamen drei späteren Gründungsmitgliedern Gerüchte von Menschenrechtsüberschreitungen, die an Checkpoints vorfallen sollten, zu Ohren. So nahm Hanna am Checkpoint Kalandia den Wachposten ein. Immer wieder kamen aufgewühlte Menschen auf sie zu: „Geh nach Huwara! Da ist es viel schlimmer!“ Dort wiederum traf sie Palästinenser, die sagten: „Geh nach Nablus! Das ist schlimmer!“ Heute arbeiten Frauen von Machsom Watch regelmäßig an allen großen Checkpoints der Westbank. Hanna macht auf die Probleme aufmerksam, die für Palästinenser an den Checkpoints an der Tagesordnung sind: Um die Erlaubnis zu erhalten einen Checkpoint zu passieren, müssen Palästinenser Fingerabdrücke abgeben, die dann in der Datenbank des Militärs gespeichert werden. Fingerabdrücke aber können sich ändern, vor allem, wenn, was häufig der Fall ist, Palästinenser auf Baustellen arbeiten und Schwielen bekommen. Die Fingerabdrücke zu aktualisieren, kann über eine Woche dauern. Welcher Arbeitgeber akzeptiert einen solch langen Ausfall seines Mitarbeiters? Hanna Barag und ihre Kolleginnen versuchen in solchen Fällen zu intervenieren, was dank der guten Beziehungen zum Militär manchmal gelingt. Diese akute Hilfe ist aber nur ein Aspekt der Arbeit von „Machsom Watch“. Das Bewusstsein der israelischen Bevölkerung für diese Problematik zu schärfen ist den Frauen ebenso wichtig. Der in diesen Tagen in Jerusalemer Kinos angelaufene Film „Kalandia – a story of a checkpoint“ von „Machsom Watch“- Mitarbeiterin Neta Efrony leistet einen großen Beitrag zu dieser Aufklärungsarbeit.
Auch „Breaking the Silence“ haben sich es zur Aufgabe gemacht aufzuklären – und zwar paradoxerweise über ihre eigenen Taten aufzuklären. Michail Manekin, eines der ersten Mitglieder, erklärt die Grundprinzipien dieser Organisation von Ex-Soldaten, die allesamt als Soldaten in der 2.Intifada dienten. 2004 wurde durch Soldaten einer Eliteeinheit aus Hebron der Grundstein für „Breaking the silence“ gelegt: In einer Ausstellung, die in Tel Aviv zu sehen war, ließen sie die Öffentlichkeit an ihren zum Teil traumatischen Erlebnissen teilhaben. Seitdem sammelt die Organisation sogenannte “Zeugnisse” von bis jetzt über 620 Soldaten. Sie bekennen sich darin unter anderem zu Plünderungen und ungerechtfertigter Gewaltanwendung. Das Problem israelischer Soldaten, so Michail, ist, dass sie für Krieg, nicht für die Besetzung ausgebildet werden. Das hat zur Folge, dass Palästinenser als ständige potentielle Bedrohung und nicht als Zivilisten angesehen werden. „Breaking the silence“ bringt ans Tageslicht, welch fatale Konsequenzen eine solche Fehleinschätzung haben kann, nachzulesen auf www.shovrimshtika.org.
Michails Mut auch eigene Schuld einzugestehen ebenso wie Hannas Durchsetzungskraft haben mich tief beeindruckt. Gut zu wissen, dass es Menschen wie Hanna und Michail gibt! Sie geben Versöhnung ein Gesicht!


