Bericht von Margrit
Jayyous 29 Juni, 2003
Es ist gut zu wissen, dass es auf dieser Welt einen Ort gibt, wo Menschen im Rhein schwimmen, auf Jobsuche sind, wenn nötig problemlos in ein Spital können, klettern, velofahren und rennen, in die Berge gehen, sich um Flüchtlinge kümmern, ihre Kinder liebevoll betreuen und andere ganz „normale" Dinge tun.....
Hier in Israel/Palästina geschieht so viel im Ausnahmezustand – doch auch daran haben sich die Menschen gewöhnen müssen, wenn sie psychisch überleben wollen. Aber unter der Decke einer gewissermassen surrealen Normalität finden sich tausende von Geschichten, und jede einzelne ist eine Tragödie oder gar ein Drama. Als „fremde" Person in diesem emotionalen Chaos ist es jeden Tag neu ein energiereiches Unterfangen, sich selbst nicht zu verlieren, nicht mitgerissen zu werden in dem Strudel von Angst, Macht, Lügen, Verletzungen, Frustration, Gewalt, Hoffnungslosigkeit, Apathie, Resignation, Trauer, Perspektivlosigkeit. Da heisst es immer erneut, sich aufzumachen, um die eigene Balance wieder zu finden nach dem Eintauchen in all die Geschichten und Erlebnisse – und ich will eintauchen und Anteil nehmen, will mich einlassen in die verhängnisvollen Verflechtungen dieser Menschen.....
Mehr und mehr merke ich, dass ich Interesse an sehr unterschiedlichen Kontakten habe, um mir ein besseres (aber niemals umfassendes) Bild von den Problemen, Vorstellungen, Sichtweisen, Einstellungen der Menschen hier verschaffen zu können mit dem Hintergedanken, etwas besser zu verstehen, was da abläuft. Und das heisst auch, Kontakte mit Israelis zu knüpfen und ihnen zuzuhören.
Wir haben in den letzten Tagen diverse meetings gehabt: in einer griechisch-orthodoxen Kirche, ein Treffen mit hochkarätigen Palästinensern über die Chancen der roadmap, eine Sitzung verschiedenster Organisationen zur stopthewall-campain. Nach all diesen Versammlungen habe ich jedes Mal das Gefühl, mit noch mehr Fragen konfrontiert worden zu sein; Zuversicht ist kaum spürbar, Hoffnung höchstens in winzigen Dosen. Ob in den Schweizer Medien der roadmap grossen Chancen gegeben werden? Hier glaubt kaum jemand an wirkliche Erfolge und an einen dauerhaften Frieden................
Bald werde ich einige Nächte in einem ständig von settlern bedrohten kleinen Dorf (Yanoun) verbringen, zusammen mit einem EA aus England. Später wollen wir zusammen nach Qalqilia, Tulkarm, Jayyous....
Im Moment sitze ich vor unserem guesthouse, das eine wirkliche Oase ist, unter einer Föhre am Schatten. Hier auf dem Ölberg (800m) weht fast immer ein angenehmer Wind und am Abend kann es ganz schön kühl werden. In der Stadt unten allerdings ist es meist sehr heiss, Schmutz, Lärm und Verkehr sind anstrengend. Dann braucht jede Aktivität mehr Energie als sonst. In Ostjerusalem fühle ich mich zum Glück trotzdem sicher und heimisch.


