It's time to stop the killing and start talking again
“It's time to stop the killing and start talking again.”
Am 02.November 2005 sprechen Dr. Abel Misk und Rami Elhanan vor einer internationalen Gruppe in Jerusalem. Rami hat seine Tochter bei einem palästinensischen Selbstmordanschlag verloren, Abels Vater wurde von israelischen Soldaten verprügelt und erlag kurze Zeit später seinen Verletzungen. Sie erzählen ihre Geschichten und sprechen dann gemeinsam von Versöhnung, ein gemessen an der derzeitigen Lage in der Region wohl undenkbarer Vorgang.
Im Juli 1994 wurde der 19jährige Arik Frankenthal von Mitgliedern der Hamas gekidnapped und ermordet. Als Antwort auf diese Tragödie gründete sein Vater, Yitzhak Frankenthal, im darauf folgenden Jahr das „Parents’ Circle – Family Forum“, eine Organisation hinterbliebener Eltern und Angehöriger, die einen geliebten Menschen im Konflikt um Israel und Palästina verloren haben.
Mittlerweile gehören dieser Organisation mehr als 500 israelische und palästinensische Familien an. Ihr Ziel ist es, den anhaltenden Verlust von Leben zu stoppen. Sie setzen sich dafür ein, den Konflikt auf beiden Seiten durch Dialog und gegenseitiges Verständnis zu lösen. Alle Mitglieder haben den höchsten Preis gezahlt, und dennoch trafen sie die Entscheidung nicht in Rachegedanken zu versinken sondern Zeichen der Versöhnung in die Region zu tragen. Sie glauben an ein Ende der Besatzung der palästinensischen Gebiete, an ein Ende der Feindseeligkeiten und an die Schaffung einer politischen Lösung der alle Seiten zustimmen können. Vor allem aber sind sie davon überzeugt, dass diese Ziele durch Versöhnung und Kommunikation zwischen den beiden Völkern, durch Respekt und gegenseitiges Verständnis für nationale und rechtliche Bestrebungen erreicht werden können.
Die wohl wichtigste Aktivität des „Family Forum“ besteht in regelmäßigen Vorträgen in Schulen in Israel und Palästina. Paarweise besuchen sie Klassen, erzählen von ihren eigenen Schicksalsschlägen und diskutieren mit den Schülern über den Konflikt, über Vergebung und Versöhnung. Die Vorträge sollen verdeutlichen, dass der Verlust eines Angehörigen auf beiden Seiten gleichermaßen Trauer auslöst, dass der gegenseitigen Gewalt ein Ende gesetzt und Kompromisse angestrebt werden müssen. Dabei stellt sich immer wieder heraus, dass sie als Angehörige von Opfern die wohl größte Chance haben, die Jugendlichen zu erreichen. Indem sie von ihrem Schicksal berichten und deutlich machen, warum sie nicht nach Rache streben, können sie die Schüler ermutigen, ihr Denken in neue Bahnen zu lenken und ihre eigene Gefühle des Misstrauens, der Angst und des Hasses gegenüber der jeweils anderen Seite in Gedanken der Versöhnung umzuwandeln. Dabei versuchen die nicht, die politischen Einstellungen der Zuhörer zu ändern. Sie hoffen jedoch, den meist vereinfachten Blick auf die eigene Lage zu schärfen. Die Schüler sollen realisieren, welch hoher Preis auf beiden Seiten für die anhaltenden Auseinandersetzungen gezahlt wird.
Das junge Publikum ist meist überwältigt von der Gelegenheit, die Erfahrungen beider Seiten zu hören und zu sehen, dass auch ein anderer Weg möglich ist. So schrieb ein israelischer Schüler im Auswertungsbogen: „Das Treffen hat meine Ansichten geändert. Die Geschichte aus erster Hand zu hören, besonders von der palästinensischen Seite, hat mir gezeigt, dass sie (die Palästinenser) Menschen sind wie wir. Sie haben auch Gedanken und Gefühle und auch sie wollen Frieden.“
Im Oktober 2002 richteten die Mitglieder des „Parents’ Circle“ die kostenlose Telefonhotline „Hello, Peace!“ ein. Sie ermöglicht es Israelis und Palästinensern, gegenseitig in Kontakt zu treten und sich über Versöhnung, Frieden und Toleranz zu unterhalten. Anrufer können sich hunderte Sprachmeldungen anhören und dann entscheiden, mit wem sie verbunden werden wollen. Bis jetzt wurden auf diese Weise mehr als 500,000 Gespräche geführt. Die Devise lautet, dass die Kraft des Dialogs Freundschaften entstehen lassen kann.
Das langfristige Ziel des Parents Circle ist die Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern. Auf beiden Seiten sind viele Menschen so sehr in den eigenen Schmerz versunken, dass sie das Leid der jeweils anderen nicht sehen können oder wollen. Durch ihre Aktionen wollen die Mitglieder des Familienforums zur Vermenschlichung des Leidens beitragen und so den Weg zur Versöhnung ebnen.


