Alltagsgeschichten
Als ökumenische Begleiterin besuche ich wieder einmal Ahmed und seine Familie in Kirbeth Tana, einem abgelegenen Dorf in der Westbank. Wie immer freuen sich alle Familienmitglieder, uns zu sehen, und obwohl wir uns kaum verständigen können, werden wir zu Tee und Kaffee eingeladen. Wir treten ein in das Zelt, welches für jeweils neun Monate im Jahr als zuhause dient. Maha hat gerade frisches Brot gebacken. Salim ist mit den Schafen unterwegs und diesmal begleitet ihn sein Bruder Mohammad.
Vor einem Jahr wurde das Bauerndorf vollständig von der israelischen Armee zerstört. Kirbeth Tana liegt in der Nähe einer israelischen Siedlung in der Westbank und besitzt natürliche Wasserzufuhr, kostbare Ressource in einem Land, in dem es wenig regnet. Salim war gerade für einen Monat im Gefängnis, weshalb ist nicht klar, und die Familie ist dabei, die 1000 Shekel Strafgeld aufzutreiben. Mohammad hat es dieses Wochenende geschafft, durch den Checkpoint zu kommen, um seine Familie zu besuchen. Vor drei Tagen ist die IDF (Israeli Defence Force) in der Nacht aufgetaucht und alle Dorfbewohner mussten ihre Häuser verlassen.
Solche Geschichten sind Alltag im Leben der Palästinenserinnen und Palästinenser. Als Menschenrechtsorganisation setzen wir uns für eine zwei Staaten Lösung ein, zwei Staaten für zwei leidgeprüfte Völker, mit der grünen Linie als Grenze. Doch davon ist die heutige Realität weit entfernt: Entgegen internationalem Recht siedelt Israel seine Landsleute im besetzten Gebiet an. Ein Teil der 500 000 Israelis, die in der Westbank leben, zählen zu den sogenannten Wirtschaftssiedlern. Es sind oft Migranten aus Russland mit schlecht bezahlten Jobs, welche von der Steuererleichterung, die sie in der Westbank erhalten, profitieren wollen. Für sie hat ihr Wohnort wenig mit Politik zu tun.
Ganz im Gegenteil zu den ideologischen Siedlern, die Ariel Sharons Statement getreu folgen und sogar mit Gewalt umsetzten: ”Jeder muss sich vorwärts bewegen, rennen und so viele Hügel wie möglich ergreifen, um die Siedlungen zu vergrössern, denn alles was wir heute nehmen, wird unser bleiben... Alles was wir nicht nehmen, wird ihres werden” (A.F.P. 1998). Das ganze Land hier ist hart umkämpft. Das ungleiche Kräfteverhältnis führt aber dazu, dass immer mehr palästinensische Dörfer von der Landkarte verschwinden. Es spielt keine Rolle, ob Dokumente den Landbesitz beweisen. Das Eigeninteresse Israels steht oft vor dem Recht.
Unsere Arbeit ist es, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, um zu sehen und unsere Erlebnisse weiter zu erzählen. Wir nehmen Kontakt auf mit grösseren israelischen Friedensorganisationen und manchmal geschieht ein Wunder und ein politischer Beschluss wird rückgängig gemacht oder zumindest verschoben.


