Entwurzelte Baeume – verzweifelte Menschen – gewaltloser Widerstand
Umm Salamone ist ein Dorf suedlich von Bethlehem Richtung Hebron. Es ist umgeben von Weinbergen, Olivenhainen und bluehenden Mandelbaeumen. Doch es ist bedroht, weil eine Strasse fuer Siedler gebaut werden soll. So erhielt unser Team von oekumenischen Begleitern, sogenannte EA´s, einen Anruf, wir sollten sofort kommen.
Im terrassenartigen Gelaende ausserhalb des Dorfes sahen wir acht Soldaten hinabsteigen, vor ihnen ein Mann mit einem Vermessungsgeraet und ein andrer mit blauen Baendern in der Hand. Ein dritter hatte eine Rebschere. Sie waren daran, Baeume zu markieren und blaue Zeichen auf die Steine zu malen. Einige Maenner vom Dorf, Frauen mit kleinen Kindern und internationale BeobachterInnen, darunter die EA´s mit den beigen Westen mit dem Signet des Oeukumenischen Rates der Kirchen auf dem Ruecken folgten den Soldaten. Die Frauen blieben zurueck, wir versuchten die Soldaten in eine Gespraech zu verwickeln. Sie schienen kein Englisch zu verstehen. Schliesslich antwortete mir ein Soldat, als ich es mit meinem Hebraeisch versuchte. Eine Verbindungsstrasse von einer Siedlung zu einer andern werde gebaut.(zusaetzlich eine Mauer oder ein hoher Zaun). Das sind Strassen, die die einheimische Bevoelkerung nicht benuetzen darf; sie muss grosse Umwege in Kauf nehmen, was mehr Zeit und mehr Benzin bedeutet.
Der Mann mit der Rebschere vertraute mir an, dass dieses Land ihm und seinen Verwandten gehoere. Doch er sei gezwungen mit zuarbeiten. Er habe seine Familie mit sieben Kindern und drei alte Onkel zu ernaehren. Einer der Onkel verhandelte mit verzweifelten Gebaerden mit dem Kommandanten. Sein Haus gleich oberhalb soll abgerissen werden. Nicht nur wir fragen die Soldaten: lama? Weshalb? Auch israellische Friedensgruppen wie Ta´ayoush und Gush Shalom stellen diese Frage.
Eine Woche spaeter werden die ersten Baeume durch Bulldozer entwurzelt. Einige Dorfbewohner und Friedensaktivisten, die sich der Aktion widersetzen, werden auf die Polizei mitgenommen und spaeter wieder freigelassen, Die Aktion des Militaers ist illegal, denn das Dorf hat beim obersten israelischen Gericht Berufung eingelegt. Wie mir der Anwalt sagte, ist der Entscheid am 18.Maerz zu erwarten.
Am folgenden Freitag finden sich ca 300 Menschen ein, um auf dem Gelaende mit den entwurzelten Baeumen zu protestieren, Ein langer Zug mit vielen orangen Fahnen der gemaessigten Partei von Mahmoud Barghuti bewegt sich vom Dorf her. Auf dem zerstoerten Land werden einige Reden gehalten, die alle Hoffnung ausstrahlen. Der Direktor von Holy Land Trust, Sami, fordert die Soldaten im Hintergrund auf, nach Hause zu gehen und ihr Leben zu veraendern; Mahmoud Barghuti, der als Praesident kandidierte, plaediert fuer einen friedlichen Widerstand. Der israelische Friedensaktivist Amiel dankt im Namen der andern Mitgliedern von Ta’ayush, dass sie hier sein duerfen: „Wir wollen nicht schweigen: ein Ende dieser Mauer, eine Ende der Besetzung, wir muessen unsere Richtung aendern.“
Am naechsten Freitag haben die Bulldozer bereis eine Strasse planiert. Ueber ein unwegsames Stueck erreichen die demonstrierenden Menschen in ungleichem Tempo die Strasse und ueberqueren sie. Bereits knien viele meist aeltere Maenner am Boden und beten von 12.00 – 12.30 das Freitagsgebet. Etwas abseits beobachten die Soldaten die Szene. Von der arabischen Rede verstehe ich nichts, doch den Slogan „La gidar“ kann ich uebersetzen: Keine Mauer, la gidar, toent aus vielen Kehlen, waehrend sich der Zug von mittlerweile ueber 400 Menschen in Richtung Bulldozer in Bewegung setzt. Eine Gruppe von Soldaten mit Schutzhelmen und Schilden gebietet Halt. Sie drohen, ergreifen einige Maenner an ihren Hemden. Es wird verhandelt. Die Soldaten weichen zurueck, der Zug rueckt 30 Meter weiter und wendet sich dann dem Huegel zu; ein junger Mann hilft mir ueber Stacheldraht zu steigen..
Die Kundgebung endet im Gemeindesaal im Dorfzentrum mit Gespraechen und einigen Reden.
Diese Freitagskundgebungen sollen weiter gehen, begleitet von vielen Maennern, die ohne Gewalt fuer eine Zukunft im friedlichen Miteinander mit einem Israel kaempfen, das die Rechte der Palaestinenser respektiert. Sie hoffen, immer mehr Doerfer in Bewegung zu bringen, um sich gemeinsam fuer ihre Landrechte zu wehren. Sie hoffen auch ausserhalb gehoert zu werden, denn diese Landnahme ist illegal.
Elisabeth C. Miescher ist von Peace Watch Switzerland (www.peacewatch.ch) als oekumenische Begleiterin nach Palaestina/Israel geschickt worden. Sie nimmt teil am oekumenischen Begleitprogramm in Palaestina und Israel (EAPPI) des Oekumenischen Rates der Kirchen. Der Text gibt ihre persoenliche Meinung wieder und ist keine Stellungnahme von Peace Watch Schweiz oder EAPPI.


