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21.05.07 00:00 Alter: 2 yrs

Hoffen ist harte Arbeit im Heiligen Land

Kategorie: Personal reflections

Von: Christian Kercher, Deutschland

 

Drei Frauen, eine Palaestinenserin, eine Israelin und eine Schweizerin, ziehen am Seil der Hoffnung auf einen gerechten Frieden in Israel und Palaestina.

 

Hoffen ist harte Arbeit im Heiligen Land. Denn das Jahr 2007 hat keine wirklich neuen Perspektiven fuer Frieden zwischen Palästina und Israel gebracht. Im Gegenteil, fuer Gaza ist das Wort ‘humanitaere Krise’ schon Schönfärberei; und Gaza ist die Zukunft der Westbank, wenn es so weitergeht. Das stellte im Januar die Geberkonferenz fuer humanitaere Hilfe in Jerusalem fest. Die Vertreter, unter anderen von EU und UN, schrieben Kommuniqués an ihre Regierungen, dass nur noch eine politische Lösung weiterhilft, zu der die israelische Regierung gezwungen werden muss. Die Besatzung von Gaza, Westbank und Ostjerusalem hat längst Ausmasse von Ungerechtigkeit erreicht, die mit der Apartheid Suedafrikas zu vergleichen sind, so der israelische Friedensaktivist Jeff Halper (www.icahd.org). Es sei zuallererst Israel, das seinen Friedenswillen mit Taten beweisen muesse.

 

Was soll da die Hoffnung? Hoffnung auf Hebräisch ist ’Tikwah’. Und das hat den gleichen Wortlaut wie das ’Seil’ im alten biblischen Hebräisch. Es geht also darum, die Zukunft herbeizuziehen, wie beim Tauziehen. Das kann auf vielerlei Weise konkret werden, etwa durch Ueberzeugungsarbeit im Bereich der öffentlichen Meinung, ohne die eine Regierung selten aktiv wird, wenn es nicht um ihre Interessen geht.

 

Cedar Duaybis ist eine christliche Palästinenserin, die an diesem Seil zieht. Sie hat einen Traum, nämlich dass Juden, Christen und Muslime friedlich als Nachbarn im Heiligen Land zusammenleben können. Ihre Kindheitserinnerung nährt ihn:

 

”Als kleines Mädchen haben wir so in einer Strasse zusammengelebt, und das seit Generationen. Meine Erinnerung ist Hoffnung fuer die Zukunft. Trotz allem, was danach kam. 1948, als ich 12 Jahre alt war, wurden wir gezwungen, unser Haus und Haifa zu verlassen. Wir wurden zu Fluechtlingen im eigenen Land. Ich bin in Nazareth aufgewachsen. Es hat zehn Jahre gedauert, bis ich das erste MaI die Erlaubnis bekam, wieder nach Haifa zu fahren. In unserem Haus lebten jetzt drei juedische Familien, die aus Osteuropa geflohen waren. Es ist nicht so, dass mich ihr Leid nicht beruehrt, aber musste das sein: Ein Volk findet seine Heimat und macht ein anderes heimatlos? Erfuellen sich so die biblischen Prophezeiungen fuer sein auserwaehltes Volk? Liebt Gott die Juden mehr als uns Palästinenser? Wir hatten ein riesiges Problem mit der Bibel: sie schien verantwortlich zu sein fuer unsere Situation. Viele verloren den Glauben, verliessen die Kirche oder warfen zumindest ihr Altes Testament weg. Was schliesslich zur Gruendung von Sabeel fuehrte, war genau die Frage: Wie können wir die Bibel mit palästinensischen Augen lesen, aus der Sicht der Unterdrueckten, derer, die jetzt im Exil leben?” Sabeel heisst auf arabisch ‘Weg’ und ‘Wasserkanal’ und ist ein ökumenisches Zentrum fuer Befreiungstheologie in Jerusalem. Cedar gehörte 1990 zu den Gruendern. (www.sabeel.org) Auf einige ihrer Fragen hat sie Antworten gefunden. ”Glauben ist Hoffnung. Unsere Hoffnung ist abhängig vom Gott der Gerechtigkeit, der Liebe, der Barmherzigkeit und des Friedens. Er liebt alle Menschen gleich stark. Ich glaube an Gott und die Menschlichkeit in den Menschen. Wir werden nie aufhoeren, fuer einen gerechten Frieden zu kämpfen. Ich zweifle nicht daran, dass wir eines Tages Frieden und Versöhnung mit den Israelis feiern werden. Wir können unser Land teilen.” Ihre leise Stimme klingt fest und fast beschwörend.

 

 

 

Christian Kercher and Cedar Duaybis

 

Wenn sie ihre Hoffnung nicht so verankern wuerde, sondern von den politischen Umständen und vom erlebtem Unrecht abhängig wäre, hätte sie sie nicht immer wiedergefunden, sagt sie. Mit traurigen Augen erzählt sie vom Bau der Mauer in Beit Hanina, ihrem Jerusalemer Viertel, die sie von ihren Freunden und Verwandten auf der anderen Seite trennt.

 

"Es tut mir weh, immer wieder zu hoeren: Erkennt das Existenzrecht Israels an! Denn meines haben sie nie anerkannt."

Es schmerze sie auch sehr, dass sich die Palästinenser jetzt gegeneinander wenden. Israel muesste den Druck der Besatzung lockern, besonders in Gaza. Die Besatzung sei das Hauptproblem. Ein positives Zeichen sei, dass die Situation im Irak den Amerikanern gezeigt habe, dass die Lösung des israelisch - palästinensichen Konflikts vordringlich fuer den Nahen Osten ist.

 

“Es gab eine Zeit, in der ich zu depressiv war, um noch zu Sabeel zu gehen. Das war 2002, nach dem Selbstmordanschlag eines Palästinensers in Nathania. 30 israeliche Soldaten besetzten mein Haus in Ramallah. Es gab eine 34-tägige Ausgangssperre in der Stadt. Die Strassen wurden zerstört . Es gab kein Wasser. Ich fluechtete mit meiner Enkelin in die anglikanische Kirche. Sie litt unter schrecklichen Alpträumen. Ich weiss noch, wie ich endlich zurueckgehen konnte, die Enkelin an meiner Hand. Ich stand fassungslos vor meinem verwuesteten Haus.”

 

”Mit allem konnte ich irgendwie fertigwerden, aber was ich kaum ertragen habe, war, meine Kinder in einer solch brutalen Umgebung aufwachsen zu sehen. Wir haben in Nablus gelebt. Ich war Grundschullehrerin. Mein Mann hat sich als anglikanischer Pfarrer um die kleine Gemeinde gekuemmert. Unsere zwei Söhne und zwei Töchter verabscheuten die ständigen Ausgangssperren. An einem Sonntagmittag kam es zu einem grossen Streit. Mein Mann hatte in der Kirche ueber Jesu Gebot der Feindesliebe in der Bergpredigt gesprochen. Seine Soehne schrieen ihn an: ’Wie kannst du Liebe und Vergebung predigen? Weisst du nicht, was die Soldaten uns antun?’

Es scheint mir heute wie ein Wunder, dass unsere Kinder sanftmuetig geblieben sind und Gewalt genauso ablehnen wie wir.”

 

Tamar Avraham (41) ist eine juedische Israelin, die auch nach Kräften am Seil der Hoffnung zieht. Sie gehört zu der kleinen, aber aktiven Minderheit der Friedensaktivisten in der israelischen Gesellschaft. Als Historikerin forscht sie ueber die Geschichte juedischer Gemeinden in Deutschland, von wo sie vor 15 Jahren eingewandert ist. In ihrer Freizeit ist sie seit zwei Jahren unter anderen bei den Friedensinitiativen ’Machsom Watch’ und ’Zochrot’ engagiert. ’Machsom’ bedeutet militärischer Checkpoint. Es ist eine Organisation mit etwa 600 israelischen Frauen, die regelmässig zu den Checkpoints gehen, von denen es in der Westbank fast ebenso viele gibt. Sie geben den Soldaten das Gefuehl, beobachtet zu werden und sprechen mit ihnen, um Palästinensern zu helfen, die festgehalten werden oder denen der Durchgang verwehrt wird. Ihre Berichte darueber (www.machsomwatch.org) haben die Problematik ins Bewussstsein der israelischen Öffentlichkeit gebracht. ”Die Frauen beweisen Mut, denn die Armee geniesst ein äusserst hohes Ansehen in Israel und ihr auf die Finger zu schauen, ist neu und ungewöhnlich”, sagt Tamar.

 

Tamar Avraham

 

’Zochrot’ ist hebräisch fuer “Die sich erinnernden” und hat zum Ziel, Israelis an die systematische Vertreibung der Palästinenser durch bewaffnete Zionisten im Jahre 1948 zu erinnern, was diese auf arabisch ‘Nakbe’, die Katastrophe, nennen. Sie meinen die circa 780.000 Vertriebenen und die 530 verlassenen Doerfer. Die meisten Israels hegen noch den Mythos, dass sie freiwillig gegangen sind beziehungsweise nach Aufforderung der benachbarten arabischen Regierungen vor dem 1948er Krieg.

Zochrot-Aktivisten reisen zum Beispiel in zerstörte palästinensische Dörfer und stellen Schilder auf, etwa da, wo eine Moschee oder ein arabischer Friedhof war. Soweit möglich, laden sie dazu ehemalige palästinensische Bewohner ein.

”Machmal fuehre ich Touristengruppen nach Yad Vashem, der Holocaust Gedenkstätte in Jerusalem. Im Anschluss daran nehme ich sie mit vor die Tore der Stadt und zeige ihnen die Ruinen von Lifta, einem verlassenen palästinensischem Dorf, aus dem die Bewohner 1948 fluechten mussten. Das sind die zwei Traumata unser Völker. Natuerlich unterscheiden sie sich. Vor allem war die Nakbe kein Völkermord, eher eine ethnische Säuberung, so der Titel des neuen Buches des isralischen Historikers Ilan Pappe. Israel ist auch keine Diktatur. Aber auf psychologischer Ebene lassen sie sich schon vergleichen. Unsere gegenseitige Erinnerung daran ist zentral, um unsere jeweiligen Ängste zu verstehen. Die meisten Israelis jedoch können den Vergleich nicht ertragen. Er wuerde ihren Opferstatus schmälern: 'Wir sind die Opfer und muessen kämpfen, um uns zu verteidigen'. Das Credo lautet: ‘Das darf uns nie wieder geschehen!’ Ich sage darauf immer: 'Das darf niemandem jemals wieder geschehen!”

Die Erinnerung der Israelis an die Nakbe sei auch politisch von zentraler Bedeutung, fuehrt Tamar aus, denn ohne die Anerkennung des Rueckkehrrechts der Fluechtlinge gebe es keinen Frieden. Das Aussparen dieser Frage beim Friedensprozess der neunziger Jahre sei einer der Gruende fuer sein Scheitern gewesen. Dabei gehe es vorrangig um die aufrichtige Geste der Anerkennung des geschehenen Unrechts. Es sei unrealistisch, anzunehmen, dass viele Vertriebene tatsaechlich zurueckgehen wuerden. Aber wenn Israel die dunkle Seite ihrer Vergangenheit weiterhin verdraenge, bleibt das Misstrauen der Palaestinenser berechtigt, dass die heutige Politik der Besatzung ihrer Gebiete eine Fortsetzung der Vertreibung von 1948 ist.

 

Auch Tamar weiss, wie verschieden die Bibel gelesen werden kann. Wenn sie in der Synagoge während der Lesung aus der Thora die Landversprechen fuer die Israeliten hört, werde ihr unwohl. ”Aber in den Sklaven der Exodusgeschichte kann ich auch die Palästinenser sehen”, sagt sie lächelnd. Sie freue sich darauf, Sabeel kennenzulernen und mit Cedar und den anderen gemeinsam die Bibel zu lesen.

 

"Die Menschen hier machen mir Mut, besonders die starken Frauen: 'There is always hope', habe ich im Ohr. Und es ist auch die Lebensfreude der Palaestinenser, ihren taeglichen Demuetigungen zum Trotz, die mir Kraft gibt".

Valentina Maggiulli, 35, leitet das Jerusalemer Buero des Ökumenischen Friedensdienstes in Palästina und Israel (www.eappi.org). Das Programm ist die Antwort des Genfer Weltkirchenrates auf den Hilferuf der palästinensischen Christen – unter ihnen die Mitarbeiter von Sabeel: 'Betet nicht nur fuer den Frieden hier. Schickt Menschen, die unsere Situation und die unserer muslimischen Nachbarn teilen." Seit dem Herbst 2002 unterstuetzen Freiwillige, vor allem aus Europa, Nordamerika und Suedafrika, drei Monate lang Palästinenser und Israelis bei gewaltfreien Aktionen fuer ein Ende der Besatzung und einen gerechten Frieden.

 

Vor drei Jahren war Valentina eine von ihnen."Ich wollte das Thema Menschenrechte 'live' erleben. Wo bekommt man sonst so eine Chance, fuer eine kurze Zeit intensiv in einem Konfliktgebiet zu leben?"

Die Schweizerin hat Jura mit dem Schwerpunkt auf Ethik und internationalem Recht studiert und war Geschaeftsfuehrerin von terre des hommes in Zuerich, bevor sie im letzten Jahr den Koordinatorenstuhl in der Altstadt Jerusalems uebernahm. So klar wie hier habe sie sich noch nie an einen Ort berufen gefuehlt.

 

Sie zeigt auf den grossen Bildschirm auf ihrem Schreibtisch. "Jeden Montagmorgen bekomme ich die Berichte von unseren sechs Teams, aus Jerusalem, Hebron, Bethlehem, Tulkarem und den Doerfern Jayous und Yanoun. Sie machen grossartige Arbeit." Die zurueckhaltend wirkende Frau wird zum ersten Mal leidenschaftlich. "Wir schicken Auszuege daraus an die UN und andere Menschenrechtsorganisationen, zum Teil an die Aussenministerien der Teilnehmerlaender. Warum aendert sich dann so wenig?" Sie sei enttaeuscht von der Schweizer Aussenpolitik, weil sie sich letztes Jahr der Stimme im UN -Menschenrechtsrat bei der Verurteilung der israelischen Regierung enthalten hat. Die sogenannte advocacy, das Berichten und Bewusstsein schaffen zu Hause sei deshalb vielleicht der wichtigste Teil der Arbeit der EAs, der Ecumenical Accompaniers, wie die Teilnehmer genannt werden.

 

Es geht um Einflussnahme, in dem Sinne, wie es Tamar Avraham formuliert, auf die Frage hin, was sie sich von ihrem ehemaligen Heimatland wuenscht: Deutschland muesse sich gegenueber Israel als wahrer Freund erweisen, indem es ihm die Wahrheit sagt, gerade die unangenehme, anstoessige Wahrheit, die der Freund nicht hoeren will, aber hoeren muss, denn es geht um sein Wohl und sein langfristiges Wohlergehen, das nicht durch Gewalt gesichert werden kann.

 

Valentina Maggiulli ist roemisch-katholisch, aber liebt die Kirchenvielfalt Jerusalems. Sie geht gern in die schottisch reformierte und in die anglikanische Kirche. Kirche als Institution hat fuer sie sehr gewonnen. Sie habe gemerkt, wie gut sie sein kann, denn sie bringe Menschen zusammen. Das Friedensprogramm haelt sie fuer eine ungewoehnlich mutige Unternehmung der Kirchen. "Ich sehe unsere Arbeit als einen starken Ausdruck des christlichen Glaubens. Sie beruehrt den Kern, um den es geht", sagt Valentina. Die Bergpredigt, zum Beispiel, werde dabei so relevant. Und wenn sie als naiv belaechelt wird, denkt sie an den Spruch, den ihre palaestinensische Mitarbeiterin an ihre Email-Briefe haengt: "Wenn du denkst, dass du zu klein bist, um etwas zu aendern, versuch mal, in einem Zimmer einzuschlafen, in dem eine Muecke herumfliegt."

 

 

Christian Kercher, 37, aus Berlin, arbeitete von Dezember bis Maerz 2007 im Jerusalemer Team des EAPPI- Programms.

 

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Gebet am schwarzen Brett der anglikanischen Kirche St. George in Jerusalem:

 

“God, we don’t pray for the Israelis,

We don’t pray for the Palestinians,

But for ourselves,

That we might hold them together

In our hearts.”

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